Arbeit muss täglich Freude machen

06/12/2013 15:31

Pünktlichkeit, Dynamik und Kreativität sind Eigenschaften, mit denen sich Albrecht Reimold selbst beschreibt. Den Spaß an der Arbeit will er auch seinen Mitarbeitern vermitteln.

Text: Christoph Thanei, Fotos: Volkswagen Slovakia

 

 VW_Slovakia_Reimold_02NPZ: In der November-Ausgabe der NPZ haben wir über ein vollkommen neues und modernes Ausbildungszentrum berichtet, das Volkswagen Slovakia erst vor kurzem in Bratislava eröffnet hat. Wie zufrieden sind Sie mit dem Start?

Albrecht Reimold: Ich bin sehr zufrieden. Es hat lange gedauert, bis wir hier in der Slowakei die Rahmenbedingungen dafür geschaffen hatten. Zum Schluss haben wir einfach entschieden: Es ist besser wir handeln, anstatt nur darüber zu reden. Und so haben wir mit dieser Mechatroniker-Ausbildung begonnen.

Hintergrund ist das Defizit der fachlichen Qualifikation in der Slowakei, das wir spüren. Die Slowakei hat ja eine sehr gute Tradition, was technisches Wissen angeht. Dieser Vorteil ist aber in den letzten Jahren verloren gegangen. In Deutschland, woher ich komme, haben wir sehr gute Erfahrungen mit dem dualen Ausbildungssystem gemacht. Ich selbst bin selbst das beste Beispiel dafür. Ich habe zunächst eine Werkzeugmacher-Lehre abgeschlossen. Und danach habe ich auf dem Zweiten Bildungsweg studiert. Ich weiß, wovon ich rede. Deshalb war es mir persönlich wichtig, dass wir diese duale Ausbildung endlich beginnen. Das erste Projekt mit den Mechatronikern ist ein zukunftsweisender Grundstein. Denn die Kombination aus Mechaniker-Wissen und elektronischen Kenntnissen wird eine große Rolle spielen.

 

Volkswagen ist ja schon zu einer Zeit in die Slowakei gekommen, als es ein großes Potenzial an relativ billigen und zugleich gut ausgebildeten Fachleuten gab, die gerade von den zusammengebrochenen alten Industrien freigesetzt wurden. Und diese Fachkräfte hatten eigentlich eine ähnliche duale Ausbildung, wie man sie jetzt aus Deutschland wieder importiert. Wo ist der Fehler passiert, dass man diese gute Ausbildung in der Zwischenzeit vernachlässigt hat?

Das kann ich nicht beurteilen, weil ich damals noch nicht da war. Vermutlich gab es andere Prioritäten. Deshalb spüren wir jetzt, dass die Absolventen der Fachschulen nicht mehr die nötige Qualifikation haben. Da muss dringend gegensteuert werden und das tun wir.

 

Wie zufrieden sind Sie mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die Sie jetzt schon haben?

Sehr zufrieden. Es macht richtig Spaß, in der Slowakei zu arbeiten, weil meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mir täglich Freude bereiten durch ihre Innovationsbereitschaft und Wissbegier. Volkswagen Slovakia ist gerade dank dieser Leistungen der Mitarbeiter so erfolgreich.

 

Trotzdem fehlen Ihnen ausreichend qualifizierte Fachkräfte?

Gerade deshalb machen wir unsere eigenen Ausbildungsprogramme mit den Mitarbeitern. Die Einstellung stimmt, aber manche fachlichen Qualifikationen fehlen noch. Wir haben für jedes Segment, also Karosseriebau, Lackiererei, Montage, Logistik, Instandhaltung und Presswerk eigene Trainingszentren, in denen die Mitarbeiter qualifiziert werden. Die Lernkurve wird konsequent überwacht und gesteuert. Dafür haben wir in den letzten Jahren viel getan und das spüren wir jetzt natürlich am Erfolg. Die Kompetenz unserer Mitarbeiter ist die Grundlage für den Erfolg von Volkswagen Slovakia.

 

Der Volkswagen Standort Bratislava gilt als besonderes Vorzeigewerk innerhalb des weltweiten Volkswagen Konzerns. Wie lassen sich die wichtigsten Vorzüge des Werks beschreiben?

Ganz entscheidend ist die Flexibilität und Fähigkeit der Mitarbeiter, sich in neue Technologien und Szenarien einzubringen und dort unter komplexen Bedingungen sofort Fuß zu fassen. Wir produzieren hier für fünf Marken unter einem Dach: Volkswagen, Škoda, Seat, Porsche und Audi. Das ist weltweit einmalig. Unsere Mitarbeiter müssen die Komplexität aller Marken zugleich beherrschen.

Neben der Fähigkeit, diese Komplexität zu beherrschen, geht es auch um unser Thema “Morgen besser sein als heute”. Wir geben uns nie zufrieden mit dem, was wir schon erreicht haben. Das ist schön und das gehört auch zur Führungskultur von uns Managern. Ständig fragen wir uns gemeinsam mit unseren Mitarbeitern, wo wir noch weiter etwas verbessern und noch etwas Neues lernen können. Das zeichnet Volkswagen Slovakia aus. Wir haben dafür viele Auszeichnungen bekommen: den Lean Production Award für OEM in Europa 2012. Ein Jahr später haben wir noch einen draufgesetzt und wurden mit den Lean & Green Efficiency Award 2012 ausgezeichnet. Das zeigt unser Engagement für Effizienz und Nachhaltigkeit. In diesem Jahr sind wir außerdem ganz neu zur Fabrik des Jahres für Großserienfertigung in Europa gewählt worden. Diese großartige Auszeichnung macht uns richtig stolz.

 

Wenn Sie so zufrieden mit dem Standort sind: Ist vorstellbar, dass Volkswagen zusätzlich zur eigentlichen Produktion künftig auch Teile von Forschung und Entwicklung oder zum Beispiel Finanzdienstleistungen in die Slowakei verlegt? Die slowakischen Regierungen der letzten Jahre haben ja immer betont, die Slowakei solle sich von der reinen Werkbank zu einer immer mehr auch wissensbasierten Ökonomie entwickeln.

Da muss man klar Farbe bekennen: Wir sind ein Produktionswerk. Was wir uns hier vorstellen können und woran wir auch arbeiten ist begleitende Forschung und Entwicklung für Fertigungsmethoden und Prozessabläufe bei Herstellverfahren. Was wir definitiv nicht her verlagern, ist die Produktentwicklung von Fahrzeugen. Da gibt es einfach zu viele Synergien, die in den Marken und in den Zentralen sind. Aber im Bereich Produktionsverfahren haben wir hier schon erste Meilensteine gesetzt.

 

Können Sie dafür Beispiele nennen?

Mit dem e-up! Haben wir völlig neue Technologien für den Bereich Elektromobilität implementiert. Und diese Methoden zur Fahrzeugproduktion werden mit uns gemeinsam entwickelt. Zum Beispiel beim eco-up!, das ist das CNG-Fahrzeug von Volkswagen, in dem ein Gastank enthalten ist: Den haben wir schon mit Gas befüllt an die Linie gebracht. Das ist eine Neuheit, eine Innovation, die hier in der Slowakei geboren und erprobt wurde.

Und Volkswagen Slovakia produziert mit dem e-up! als erster Standort im Volkswagen Konzern ein Fahrzeug, das rein mit Elektrizität angetrieben wird. Das ist auch ein Vertrauensbeweis. Dafür haben wir viel geschult, viel gemeinsam mit der technischen Entwicklung erprobt und das Konzept in die bestehende Fertigung integriert. Andere Hersteller setzen auf solitäre Fertigung, also Elektromobile für sich allein. Wir haben es geschafft, diese Fertigung zu integrieren und haben damit die volle Flexibilität zwischen fossilen Brennstoffantrieben und E-Mobilität, um zu variieren. Das sind Themen, an denen wir arbeiten.

 

Wie zufrieden sind Sie mit der Slowakei als Investitionsstandort?

Wir sind stolz, dass wir hier sein können  und haben uns in den vergangenen Jahren nach und nach vergrößert. Es gibt natürlich Punkte, wo wir uns Verbesserungen wünschen und darüber mit der Regierung in Diskussion stehen. Beispiele sind die Infrastruktur, eine stabile Gesetzeslage etwa in den Bereichen Arbeitsrecht und Flexibilität, Förderung von Ausbildungen. Das ist wie in einer guten Partnerschaft: Man geht sie ein, weil man miteinander zufrieden ist, aber es gibt jeden Tag auch etwas daran zu arbeiten. Die für uns wichtigen Themen sprechen wir gegenüber der Regierung auch offen an. Dieser Austausch ist nötig, aber er soll nicht über die Medien erfolgen, sondern indem man sich in engem Kontakt gegenseitig in die Augen schaut.

 

Der Status von Volkswagen ist in der Slowakei ja so, dass Ihnen die Türen wohl sehr weit offen stehen, wenn Sie Gespräche suchen?

Davon gehe ich aus. Wir sind der größte Exporteur und mit 6,6 Milliarden Euro auch das umsatzstärkste Unternehmen und ein wichtiger Arbeitgeber. Wir haben hier sicher eine wichtige Rolle.

 

Wie sieht die Struktur Ihrer Zulieferfirmen aus? Überwiegen die Tochterfirmen deutscher und internationaler Zulieferfirmen oder gibt es auch einen nennenswerten Anteil rein slowakischer Firmen?

Mehr als 40 Prozent unserer Zulieferer kommen direkt aus der Slowakei. Wir haben insgesamt 5,5 Milliarden Euro Einkaufsvolumen, davon 2,4 Milliarden direkt in der Slowakei. Es gibt zwei Wege. Der eine ist, europäisch agierende Firmen dazu zu bewegen, sich in der Slowakei anzusiedeln. Das ist uns gut gelungen, es gab deutliche Steigerungen. Der andere Weg ist, innerhalb der Slowakei existierende innovative Firmen zu suchen, die auch für Volkswagen liefern können.

Mit der Integration der New Small Family haben wir auf diese Weise einen deutlichen Mehrwert in der Slowakei geschaffen. Und für alle weiteren Produktionen, die wir hierher integrieren können, werden wir wieder diese zwei Wege beschreiten. Denn logistisch ist es um Vieles einfacher, mit einem Partner Gespräche zu führen, der 20 Kilometer entfernt ist. Dass natürlich Vormaterialien von überall aus der Welt kommen, ist klar. Aber die eigentliche Wertschöpfung soll aus der Slowakei kommen, damit wir auch kurze Regelkreise für die Qualität haben.

 

Wie würden Sie sich selbst in Ihrem Arbeitsstil und als Mensch beschreiben?

Man sagt mir nach, dass ich eine unheimliche Dynamik habe und eine hohe Kreativität. Es lässt sich nicht jede meiner Ideen gleich umsetzen, aber es ist sicher gut für eine Führungsperson, ständig Anregungen an seine Mitarbeiter weitergeben zu können. Ich bin kein Mensch, der alles exakt nach seiner Vorstellung gemacht haben will. Vielmehr sehe ich mich als Coach meiner Mannschaft, der bei den Mitarbeitern Freude und Begeisterung weckt, damit wir wie ein tolles Team im Sport gemeinsam Höchstleistungen erbringen. Das ist meine tägliche Maxime: Es muss Freude machen zu arbeiten. Wichtig ist aber auch, dass man bereit ist, ständig zu lernen und aus jeder Lebenssituation etwas mitzunehmen.

 

Gibt es Dinge, die Sie an Ihrer Arbeit in der Slowakei stören?

Nicht speziell hier. Dinge, die mich stören, gibt es überall auf der Welt, zum Beispiel Unpünktlichkeit. Oder wenn man nur über Themen redet und sie nicht umsetzt. Es gibt hier auch Leute, die sehr viel reden und wenig handeln. Ich bin ein Mann, der Anregungen gibt, dann wird kurz diskutiert, ein klares Konzept erstellt und dann aber auch konsequent umgesetzt. Nur Reden ist zu wenig.

 

Dass zu viel geredet und zu wenig gehandelt wird, gilt das auch für die slowakische Politik? Etwa für die jahrelangen Ankündigungen einer Transformation von der Werkbank zur Wissensgesellschaft?

Das würde ich so nicht sagen. Wenn ich aber so ein Gefühl hätte, würde ich es direkt ansprechen, nicht über die NPZ.

 

Was macht ein vielbeschäftigter Manager wie Sie in seiner vermutlich sehr wenigen Freizeit?

In erster Linie natürlich Sport, Ausdauersport. Und wenn man viel fliegt und sitzt, muss man auch einen Ausgleich finden und den Körper kräftigen durch Fitness-Studio und Rückengymnastik. Auch die Familie spielt eine große Rolle: Ich bin verheiratet und habe vier Kinder. Allerdings muss ich zugeben, dass ich einen Großteil meines Lebens der Firma und der Aufgabe widme. Ich will es jetzt bewusst nicht “opfern” nennen, denn es ist etwas Schönes, das mir Spaß und Freude bereitet. Deshalb finde ich nicht, dass ich zu viel Zeit dafür investiere.

 

 

Zur Person:

Albrecht Reimold (52) ist seit Januar 2012 Vorstandsvorsitzender von Volkswagen Slovakia und in dieser Funktion zugleich für den Bereich Technik verantwortlich. Nach seiner Ausbildung zum Werkzeugmacher studierte er Produktionstechnik an der Fachhochschule Heilbronn und bildete sich in einem anschließenden Studium zum Schweißfachingenieur weiter. 1987 begann er seine berufliche Laufbahn als Trainee bei der Audi AG in Neckarsulm. 1993 übernahm er die Leitung des Karosseriebaus Audi A8, im Mai 1998 folgte die Leitung des neuen Produktionssegments Audi A2. Ab September 2002 leitete Reimold die Fertigungsplanung für die Modelle der C- und D-Reihe (Audi A6 und Audi A8) sowie für den Sportwagen R8. Darüber hinaus war er für die Werkplanung Neckarsulm zuständig. Internationale Erfahrungen sammelte er im Rahmen seiner Zuständigkeiten für die Fertigungsplanungen internationaler Standorte wie Changchun in China und Aurangabad in Indien. Seit 1. Januar 2009 war Albrecht Reimold Werkleiter bei Audi in Neckarsulm.

 

Firmenprofil:

Volkswagen Slovakia hat seit der Gründung 1991 bereits mehr als 3 Millionen Fahrzeuge hergestellt. Die Firma gehört zu den größten Exporteuren, Investoren und mit 9400 Mitarbeitern auch zu den größten Arbeitgebern der slowakischen Privatwirtschaft. Am Standort Bratislava produziert das Unternehmen die Modelle Volkswagen Touareg, Audi Q7, Volkswagen up!, Škoda Citigo, Seat Mii und die Karosserien für den Porsche Cayenne sowie Getriebe. Am Standort in Martin werden Komponenten für Fahrgestelle und Getriebe erzeugt und in Košice bereitet man die Fahrzeuge auf den Export nach Russland vor.

Die Produktionszahlen für das Jahr 2012:

419 888 Fahrzeuge

268 000 Getriebe

28 850 000 Fahrzeugkomponenten

Umsatz: 6,59 Milliarden Euro