“Die Slowakei präsentiert sich sehr gut und ist ein wichtiger Partner für die Schweiz”

28/01/2014 08:35

Der neue Schweizer Botschafter Alexander Wittwer im Gespräch mit der NPZ – Neue Pressburger Zeitung.

Text: Christoph Thanei, Fotos: Tibor Škandík

 

Botschafter Wittwer2

 

NPZ: Herr Botschafter, wie sind Sie in die Slowakei gekommen? War das ein Wunschposten für Sie oder reiner Zufall?

Alexander Wittwer: Die Slowakei als Land im Herzen Europas hat mich schon immer interessiert. Nach meiner Erfahrung in Afrika und dann in Albanien war es mein Wunsch, noch näher an die Schweiz zu kommen. Die Slowakei als Posten war für mich daher wunderbar. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit hier.

NPZ: Wie ist Ihr erster Eindruck von der Slowakei?

Alexander Wittwer: Ich hatte von Anfang an einen sehr guten Eindruck. Es ist für mich das erste Mal in meiner Karriere, dass ich in einem EU-Land arbeite. Was meiner Frau und mir besonders gut gefällt, ist die wunderbare Altstadt von Bratislava mit ihrer grossen Geschichte, aber auch die schönen Landschaften, die wir schon kennen lernen konnten. Wir waren schon in Zvolen, davor war ich in Nitra. Schön war es auch, gleich am Anfang schon am alljährlichen Diplomatenausflug teilnehmen zu können. Auch hatte ich die Gelegenheit einige Unternehmer zu besuchen.

 

Ihre bisherigen Posten waren sehr unterschiedlich?

In Albanien war ich auch schon Botschafter, das war nach meiner Zeit als Botschafter in Zimbabwe, mit zuständig auch für Malawi und Sambia. Davor war ich die Nummer zwei der Botschaft in Washington. Da sehen Sie schon den Generalisten-Approach in meiner Diplomatenkarriere. Die auffallendsten Unterschiede sind kontinental bedingt. Viele Staaten Afrika‘s kann man natürlich nicht mit einem europäischen Land vergleichen. Die USA sind ein außerordentlich wichtiger Wirtschaftspartner für die Schweiz, Albanien ist ein wichtiger Kooperationspartner. Die Slowakei ist wichtig für uns auch in Bezug auf unseren Erweiterungsbeitrag, wir sind ja ein namhafter Geldgeber und haben hier eine ganze Reihe von Projekten laufen.

 

Welcher ist Ihr beruflicher Hintergrund?

Ich bin eigentlich Rechtsanwalt. Nach Abschluss meines Rechtsstudiums an der Universität Bern habe ich nach dem so genannten „Concours“ 1987 die diplomatische Karriere eingeschlagen. Es ist typisch, dass man von Schweizer Diplomaten eine abgeschlossene akademische Berufsausbildung erwartet.

 

Sie werden auch Botschafter sein, wenn die Slowakei im zweiten Halbjahr 2016 den EU-Vorsitz haben wird.

Das wird für mich natürlich eine besonders interessante Zeit werden. Meine Hauptaufgabe wird auch in dieser Zeit eine bilaterale sein, aber natürlich wird es dann mehr Besuche und Kontakte geben.

Die Schweiz hat ihr Konsulat für die Slowakei nicht in Bratislava, sondern in Wien. Ist das nicht ein Manko für Ihre Arbeit?

Nein, das ist eine rein organisatorische Maßnahme, dass wir im Rahmen einer weltweiten Restrukturierung solche regionalen Konsular- Hubs geschaffen haben. Wien ist außer für Österreich und die Slowakei, konsularisch auch zuständig für Ungarn, Tschechien, Slowenien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina. Die Entfernungen sind zum Teil ja leicht überbrückbar, gerade zwischen Bratislava und Wien. Noch dazu gibt es für Schweizer, die in Not geraten, rund um die Uhr eine einprägsame  telefonische Helpline (Tel +41 800 24-7-365) Das funktioniert sehr gut.

Gibt es auch schon etwas, das Ihnen in der Slowakei nicht gefällt?

Bisher überhaupt nicht. Ich freue mich natürlich auf die unterschiedlichen Projektbesuche. Das wird für mich auch eine schöne Gelegenheit, das Land zu bereisen, Land und Leute und die Projektpartner, mit denen wir arbeiten, kennen zu lernen.

 

Haben Sie persönliche Schwerpunkte, auf die Sie sich besonders konzentrieren wollen?

Ein erster Schwerpunkt wird sicher der slowakische Vorsitz in der Visegrad-Gruppe sein (sog. V-4). Die Schweiz unterstützt auch Projekte des „International Visegrad Fund“. Dann natürlich auch die Kooperationen der Slowakei im Rahmen ihrer Vorbereitungen  auf den EU-Vorsitz in zwei Jahren. Ein wichtiges Thema für uns ist zudem der OSZE-Vorsitz, den die Schweiz 2014 inne hat. Wir arbeiten dabei sehr eng mit dem nächsten Vorsitzland Serbien zusammen. Wichtig für mich werden auch die Betreuung der wirtschaftlichen Delegationen und ganz allgemein die wirtschaftlichen Kooperationen der Schweiz mit der Slowakei sein. Wir haben in der Slowakei ja mehrere sehr namhafte Firmen, die fast 8000 Arbeitsplätze im Land bieten. Sie kennen wahrscheinlich Namen wie Novartis, Holcim, Swiss Re, ABB, Nestlé, Schindler Lifte oder den Glasproduzenten Vetropack und zahlreiche weitere sogenannte KMU’s.

 

Wie weit ist die Botschaft in solche Firmenaktivitäten involviert? Die Schweiz hat ja nicht so ein Vertretungssystem wie Deutschland und Österreich mit ihren Kammern.

Wir haben keine Auslandshandelskammer, aber sehr wohl ist auch hier die Slowakisch-Schweizerische Handelskammer aktiv, die sehr eng mit schweizerischen und slowakisch-schweizerischen Unternehmen zusammen arbeitet. Es ist wichtig, dass auch wir als Botschaft dabei mitwirken, die Schweizer Wirtschaftspräsenz zu zeigen. So gibt es regelmäßig Wirtschafts- und Innovationsseminare, die von der Botschaft etwa mit Einladung namhafter Referenten unterstützt werden. Umgekehrt wird zum Beispiel im September in Winterthur in der Schweiz eine große internationale Konferenz zur Berufsbildung stattfinden, wozu wir auch slowakische Partner eingeladen haben. Gerade die Berufsbildung ist für uns ein wichtiges Anliegen – auch im slowakischen Kontext unseres Erweiterungsbeitrags. Die Berufsausbildung ist ein zentrales Element zur Gestaltung der Zukunft der jungen Menschen auch in der Slowakei. In diesem Bereich engagieren wir uns sehr stark. Vertreter der Privatwirtschaft, die ein Interesse haben, zum Beispiel Best-Practice-Modelle kennen zu lernen, können sich auch jetzt noch für die erwähnte Konferenz  anmelden (siehe dazu: www.vpet-congress.ch).

Die Slowakei ist ja kein großes Land. Wie wichtig ist sie als Partner für die Schweiz?

Auch die Schweiz ist nicht sehr groß. Die Slowakei ist als neues EU-Mitglied interessant, die 10 Jahre Mitgliedschaft wurden ja gerade groß gefeiert. Dass die Slowakei für uns wichtig ist, zeigt sich nicht zuletzt an der Ansiedlung großer Firmen hier. Auch bei Menschenrechtsthemen, die für die Schweiz mit ihrem UNO-Sitz Genf sehr bedeutend sind, ist die Slowakei ein wichtiger Partner für internationale Kooperationen. Es gibt eine Reihe von Initiativen, bei denen die Schweiz und die Slowakei an einem Strang ziehen – auch wenn das oft Initiativen sind, über die man öffentlich nicht viel spricht. Da geht es zum Beispiel auch um gemeinsame Interessen bei der Ansiedlung von weltweit agierenden Organisationen oder der Besetzung von Posten in internationalen Institutionen. Wie sich die bilaterale gegenseitige Besuchsdiplomatie auf höchster Ebene in den letzten Jahren intensiviert hat, ist auch ein Zeichen dafür, welch große Bedeutung die Slowakei für uns hat. Vor nicht langer Zeit war der slowakische Präsident Gašparovič in der Schweiz, der schweizerische Außenminister und damals zugleich Vize-Bundespräsident hat die Slowakei im August 2013 besucht.  Auch das bestätigt das rege gegenseitige Interesse.

 

Gibt es für Sie ein Motto, wonach Sie Ihre Arbeit ausrichten?

Persönliche Kontakte sind wichtig. Rausgehen, Menschen treffen, Kontakte suchen, nicht nur im Büro sitzen. Ich will das Land wirklich kennen lernen. Kulturwerte sind mir wichtig. Es gibt in jedem Land Grundwerte, die gleich bleiben. Aber darüber hinaus interessiert mich der kulturelle Reichtum meines Gastlandes. Die Offenheit der Menschen, ihre Bereitschaft, sich und ihr Land zu zeigen, beeindrucken mich hier und kommen meiner beruflichen Neugier sehr entgegen.

Sie sprechen die Kulturschätze der Slowakei an. An der Slowakei wird immer kritisiert, dass sie aus ihrem kulturellen und landschaftlichen Potenzial touristisch viel zu wenig macht.

Die Schweiz kann hier sehr gut helfen. Die Slowakei ist unter anderem sehr reich an schönen Naturparks und bietet für jeden touristischen Geschmack etwas: .Natur, Kultur, Architektur, Sport, Geschichte und schöne Landschaften. Ich möchte möglichst bald wieder das “Slowakische Paradies” besuchen, wo die Schweiz im Rahmen ihres Erweiterungsbeitrags ein Tourismus-Informationszentrum unterstützt und Ende Juni 2014 mit unseren Partnern offiziell eröffnet hat. Oder etwa das Museum Danubiana an der Donau. Das sind alles Reichtümer, die man noch besser bekannt machen kann. Allein schon die vielen Touristen, denen ich täglich begegne, wenn ich zu Fuß in die Botschaft in der Altstadt gehe, zeigen, dass es ein großes Interesse gibt. In Zvolen und in Nitra habe ich auch schon sehr schönes touristisches Informationsmaterial in die Hand bekommen.

Sie teilen nicht die oft gehörte Kritik, dass sich die Slowakei schlecht vermarktet?

Da tut sich schon viel. Jede Stadt, jede Region präsentiert sich in durchaus gut aufgemachten Werbematerialien. Man muss das halt noch mehr propagieren, denn die Konkurrenz ist groß, gerade auch in dieser Region an der Donau. Das habe ich als junger Diplomat in Budapest schon gesehen. Ich bin ja noch nicht lange da, aber ich habe nicht den Eindruck, dass sich die Slowakei schlecht präsentiert. Ich war bisher sehr positiv beeindruckt. Auch von der Infrastruktur habe ich bisher einen sehr positiven Eindruck. Die Freundlichkeit und Dienstleistungsbereitschaft im Tourismus ist ebenfalls ein sehr erfreuliches Element.

Sie werden also die Möglichkeiten, in der Slowakei herum zu reisen, sehr intensiv nützen?

Auf jeden Fall. Ich bin schon voll von Vorfreude auf das, was mich hier erwartet. Wir müssen aber die Schweizer Präsenz hier  in vielen Bereichen weiter verstärken. Dass wir jetzt seit einem Jahr ein Honorarkonsulat in Prešov haben, unterstreicht, dass wir auch an der Ostslowakei großes Interesse haben. Sie wissen sicher, dass Holcim zum Beispiel in Košice ein großes Dienstleistungszentrum mit über 200 neuen Arbeitsplätzen eingerichtet hat. Oder Swiss Re, die große Rückversicherungsgesellschaft, hat hier in Bratislava ein Dienstleistungszentrum mit über 700 Angestellten betreibt. Das sind alles positive Fakten.

Ist die Slowakei für Schweizer Firmen vor allem wegen der niedrigen Löhne attraktiv oder auch als Absatzmarkt?

Ich denke, es ist interessant für Dienstleistungsunternehmen, sich hier anzusiedeln, weil sie hier eine günstige Kostenstruktur vorfinden, aber auch im grenzüberschreitenden Kontext genügend gut ausgebildete Mitarbeiter finden. Das schließt dann wieder den Kreis zur Berufausbildung, die wir vorher angesprochen haben. Die 23 Projekte im Rahmen des schweizerischen Erweiterungsbeitrags in einem Gesamtumfang von immerhin 67 Millionen Schweizerfranken sind ja durchaus keine unbescheidene Größe. Die meisten Projekte sind aufgegleist und werden jetzt umgesetzt. Das sind nicht nur punktuelle Aktivitäten, sondern es soll etwas Nachhaltiges werden, das dann auch weiter ausstrahlt.

Haben Sie schon ein wenig Slowakisch gelernt?

Meine Frau hat schon begonnen, ich will es auch versuchen, soweit es meine berufliche Belastung erlaubt. Auch wenn das nicht so einfach ist. Ich bin zwar im Kanton Bern im deutschsprachigen Teil der Schweiz, aber trotzdem zweisprachig aufgewachsen: Französisch als Sprache meiner Mutter und Deutsch vom Vater. Dazu kam im internationalen Kontext neben Englisch natürlich auch etwas Italienisch dazu, ein bisschen Spanisch – und natürlich die Sprachen der Gastländer. Die Sprache ist ja ein wichtiges Element, wenn man ein Land und seine Kultur kennen lernen will. Schon wenn man eine Speisekarte verstehen will, muss man doch einige Worte lernen. Das ist sehr bereichernd.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit – außer Reisen?

Das Reisen haben Sie schon bemerkt. Ich bin ein neugieriger Wanderer. Wandern, Fahrrad, Schwimmen und auch Besuche von Kulturgütern sind meine bevorzugten sportlichen Aktivitäten. Kultur interessiert mich generell, dazu gehört speziell die Fotografie – auch als Kunstform. Das wichtigste Hobby ist aber sicher das Lesen. Es gibt auch über die Slowakei sehr schöne Bücher. So habe ich schon eine sehr schöne Enzyklopädie über das Land bekommen, die sehr beeindruckend mit wunderschönen Bildern gestaltet ist. Die Reichhaltigkeit an sehr liebevoll gestalteten Bildbänden hat mich schon sehr beeindruckt.

 

Schweiz-Slowakei – Fakten:

In der Schweiz leben fast 10‘000 Slowaken, in der Slowakei etwa 400 Schweizer. Die Schweizer Direktinvestitionen in der Slowakei betragen über 800 Millionen Franken – mit steigender Tendenz. Die Handelsbilanz ist positiv zugunsten der Slowakei.

Nützliche Webseiten:

Homepage der Schweizer Botschaft in Bratislava:

http://www.eda.admin.ch/bratislava

Schweizer Projekte in der Slowakei:

http://www.swiss-contribution.admin.ch/slovakia/en/Home/Projects

Internationaler Berufsbildungskongress in Winterthur:

www.vpet-congress.ch

Homepage des Eidgenössischen Departementes für auswärtige Angelegenheiten (EDA), mit vielen weiteren links:

http://www.eda.admin.ch

——————–

 Zur Person:

Alexander Wittwer wurde 1956 in Langenthal in der Nähe von Bern geboren. Studium an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bern und Tätigkeiten als Jurist. 1987 in den diplomatischen Dienst aufgenommen. Nach Einsätzen in Genf an der schweizerischen UNO-Mission und in Washington DC war er in verschiedenen Funktionen unter anderem mit zuständig für die bilateralen Beziehungen zur EG/EU und den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR). Ab 1992 Botschaftssekretär an der schweizerischen Botschaft in Budapest, ab 1996 Botschaftsrat in Harare/Zimbabwe. 2004 erfolgte die Versetzung als Ministerrat und stellvertretender Missionschef nach Washington DC. Ab 2008 als Botschafter in Harare zuständig für Zimbabwe, Malawi und Sambia. 2012 Botschafter in Albanien und seit Mai 2014 schweizerischer Botschafter in Bratislava. Alexander Wittwer ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern.