Jonáš Gruska und seine experimentelle Musik aus dem Osten Europas

28/07/2014 17:00

Indem er ein scheinbar simples Glockenspiel an einer Kaufhauswand am Kamenné námestie (Foto) dazu brachte, experimentelle Gegenwartsmusik einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren, wurde Jonáš Gruska in Bratislava auch außerhalb der spezifischen Künstlerszene bekannt. Faszinierend sind aber auch viele andere Projekte des außergewöhnlichen “Klangkünstlers, Musikers und Ingenieurs”, wie zum Beispiel seine Kreation von Geräten, die die uns umgebenden elektromagnetischen Felder für uns hörbar machen.

Text: Jana Kočišová, Fotos: Archiv Jonáš Gruska

elektrosluch2

Jonáš Gruska ist ein „Klangkünstler, Musiker und Ingenieur“. Er beschäftigt sich mit standortspezifischen Aufführungen, Komposition, Sonifikation (“Verklanglichung”), aber auch dem Erfinden und der anschließenden Vervollständigung seiner experimentellen Instrumente für ein breiteres Publikum.

Im März dieses Jahres gelang es Jonáš, in 15 Tagen mehr als 3900 Euro in einer Vorbestellungs-Kampagne für sein Gerät zur Sonifikation der elektromagnetischen Felder zu sammeln. Sein Musikverlag LOM präsentiert den experimentellen Klang der Länder aus Ost- und Ostmitteleuropa. In der Kollektion des Verlages finden wir unter anderen auch Daniel Kordíks Aufnahmen aus Syrien oder die Oper von András Cséfalvay „Funeral the Musical“.

 

NPZ: Für die Fertigung deines Geräts Elektrosluch 2 zur Sonifikation (“Verklanglichung”) der elektromagnetischen Felder nutztest du auch eine Vorbestellungskampagne auf der internationalen Plattform Indiegogo. Wie würdest du die Menschen beschreiben, die sich für Elektrosluch 2 interessierten und das Gerät vorbestellten?

Jonáš Gruska: Die meisten Unterstützer kommen von außerhalb der Slowakei und nur ungefähr 10% der Menschen, die sich Elektrosluch vorbestellten, sind meine Bekannten. Es geht vor allem um Künstler oder Leute, die sich für die Technologien begeistern.

 

Unter den Vorbestellern war unter anderen auch Alessandro Cortini, ein Multiinstrumentalist und bekanntes Mitglied der Bands Nine Inch Nails und SONOIO. Wie fühltest du das erfuhrst?

Ich freue mich über Jeden, der sich für mein Projekt interessiert, aber wenn es sich um eine so bekannte Persönlichkeit handelt, ist die Freude umso größer.

 

Was inspirierte dich dazu, die Geräte Elektrosluch und Elektrosluch 2 zu konstruieren? Siehst du es vielleicht als eine Möglichkeit, sich die Perzeption zu erweitern  und die Gegenstände „zu hören“?

Genau. Wir sind von riesigen Mengen an Datenflüssen und Informationen umgeben, die wir mit unseren natürlichen Sinnen nicht wahrnehmen können. Diese Sonifikation ermöglicht uns teilweise, die Welt der elektromagnetischen Felder kennen zu lernen und somit neue unbekannte Welten unseren Ohren zu präsentieren.

 

Außer Elektrosluch und Elektrosluch 2 sind auf deinen Internetseiten auch andere deiner Objekte zu finden. Zum Beispiel das Software-Instrument Jono, das visuelle Gerät „System monitor“, oder der kleine Verstärker „Pocket Amp“. Was bringt dich dazu, solche Objekte zu erfinden?

Meistens geht es am Anfang um Objekte und Instrumente, die ich selbst gebrauche. Aber manchmal werden sie dann auch für ein breites Publikum interesant. Wenn das passiert, arbeite ich an den Details und vervollständige die Form der Objekte. Zum Beispiel das Software-Instrument „Jono“ war eines dieser Objekte, die ich erfand, weil ich ein versatiles Musikinstrument für das Spielen in der Improvisationsgruppe „Krakow Active Ensamble“ brauchte. Danach wurde das Gerät aber so ausgearbeitet und nutzbar, dass ich mich entschied, es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

 

Ich habe gelesen, dass du bei deinen Kompositionen offen mit hausgefertigten Musikinstrumenten arbeitest. Was steht hinter der Idee, ein Instrument zu konstruieren? Spezifische Klangbedürfnisse, der Bedarf, aus der Not eine Tugend zu machen?

Meistens habe ich sehr konkrete musikalische Vorstellungen, es ist aber nicht so leicht, diese mit der Hilfe von existierenen Instrumenten zu verwirklichen. Die Fertigung eines Instruments ist ein sehr inspirierender Vorgang, der rückwirkend die ursprünglichen Visionen beeinflusst.

 

In Bratislava hast du mehrere standortspezifische Aufführungen realisiert, zum Beispiel am Glockenspiel am Kamenné námestie oder das Spielen an Röhren der Markthalle bei Trnavské mýto. Wie lassen sich diese zwei Aufführungen vergleichen?

Ich würde die Aufführungen nur ungern im Sinne besser/schlechter vergleichen. Ich glaube, dass beide über interessante Atmosphäre und Auswirkungen verfügten. An standortspezifischen Aufführungen mag ich vor allem den Kern der Sache: die Notwendigkeit, alles massgetreu zu den Räumen und Atmosphären vorzubereiten, weil es anders nicht funktionieren würde. Ich freue mich darüber, dass dank der öffentlichen Platzierungen die Kompositionen zu einem untypischen Publikum (im Vergleich zu experimentellen Konzerten) durchdringen. Die Zuschauer und Zuhörer kommen aus jeder Altersgruppe und gehören zu verschiedenen sozialen Gruppen.

 

Wie würdest du die Musik, die in deinem Verlag LOM herauskommt, beschreiben?

Gegenwärtige und experimentelle Musik aus den Ländern Osteuropas.

 

Du hast in den Niederlanden und Polen studiert und deine Werke in Belgien, Polen, den Niederlanden, Finnland, der Tschechischen Republik und der Slowakei präsentiert. Wie würdest du die Position des LOM Musikverlages im Kontext der Szene bewerten?

Wir versuchen zu einem Bewusstsein Europas und der Welt zu kommen. Und ich denke, teilweise gelingt uns das auch. Der Musikverlag LOM hat viele Fans ausserhalb der Slowakei (wenn nicht die meisten) und die Zahl wächst ständig.

 

Außer mit eigenen Kompositionen und Objekten beschäftigst du dich auch mit der Endbearbeitung von Tonaufnahmen, so gennantem Mastering in deinem Studio Lunar Mastering. Wo liegt der Unterschied zwischen eigenen Projekten und der Arbeit an Werken der Anderen?

Mastering ist ein Handwerk. Es befreit mich von allen Genrepräferenzen und zieht mich in die Welt des analytischen Hörens ein. Deswegen habe ich kein Problem, mit jedem Genre zu arbeiten. Wenn ich arbeite, geht es mir vor allem um das Gesamtklangergebnis.

—–

Mehr Informationen  zu den standortspezifischen Aufführungen, Projekten und Instrumenten sind auf den Internetseiten http://jonasgru.sk/ und  http://zvukolom.org/ zu finden.