“Wir sind hier auch der größte Arbeitgeber”

28/07/2014 16:58

Nüchterne Immobilienexperten werden in der Regel eher wenig mit der Idee anfangen können, ein versunkenes Märchenschloss wieder zum Leben zu erwecken. Wer sich dieses ökonomisch heikle Wagnis trotzdem antut, braucht eine große Portion Begeisterung. – So wie“Wir sind hier auch der größte Arbeitgeber”, die im Gespräch mit der “NPZ – Neue Pressburger Zeitung” über Ihre Erfahrungen mit der Renovierung des über Jahrzehnte verfallenen Château Béla in der Südwestslowakei zu einem Vorzeigehotel erster Klasse berichtet.

Text: Peter Stossier und Christoph Thanei, Fotos: Dušan Dukát

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NPZ: Wenn man sich das alles hier ansieht, wie dieses Schloss jetzt aussieht, erkennt man sofort: Das muss doch ein riesiger Aufwand gewesen sein, aus einer schon bedrohlich verfallenden Ruine dieses Château Béla zu machen, das wir jetzt vor uns sehen. Was hat Sie als deutsche Staatsbürgerin bewogen, in eine solche Ruine in einer gottvergessenen Ecke der Südslowakei zu investieren, die nicht einmal vielen Slowaken bekannt war?

Ilona Gräfin von Krockow: Wie so oft im Leben fing alles mit einem Zufall an. Wir waren Mitte der 90-er Jahre bei Freunden zur Jagd in Ungarn eingeladen. Ein Blick auf die Karte zeigte mir, dass Béla *) nicht so weit entfernt liegt. Ich hatte das Schloss zuvor nie gesehen, aber ich wusste, dass einst die Familie meines Vaters, die ihren Hauptsitz damals in Budapest hatte, dieses Schloss als Jagd- und Sommersitz genutzt hatte. Mein Urgroßvater hatte das Schloss vor etwas mehr als hundert Jahren gekauft. Ende des 2. Weltkrieges musste die Familie fliehen und konnte zu Zeiten des kommunistischen Regimes nicht mehr zurückkehren. Nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ ergab sich die Möglichkeit, an diese alte Familientradition anzuknüpfen und sie mit neuem Leben zu erfüllen, und diese Chance wollten wir nutzen.

 

Sie selbst hatten das Schloss also vorher nicht gekannt?

Mein Vater war zu besorgt um unsere Sicherheit, um mit uns hierher zu fahren. Er starb 1972, ohne das Schloss vorher noch einmal gesehen zu haben.  Auch meine Mutter hatte damals keine Möglichkeit Château Béla kennenzulernen. Wir kannten es nur aus alten Familienalben und aus Erzählungen.

 

Gerade als Kind verklärt man in seiner Fantasie doch Vieles. Wenn Sie das selbst nicht gesehen hatten, aber die Erzählungen hörten und Fotos sahen, mussten Sie wahrscheinlich erst recht eine märchenhafte Vorstellung davon haben. War das nicht ein Schock, wie das alles hier wirklich aussah?

Natürlich, als ich das erste Mal hierher kam, mit meiner Vorstellung von einer schönen barocken Schlossanlage, wie ich das aus den Erzählungen kannte, war ich schon schockiert über den desolaten Zustand des Gebäudes. Wir hatten gehört, dass es verschiedentlich genutzt wurde als Lager, zeitweise auch als Gefängnis, aber eine Ruine vorzufinden, dem Verfall preisgegeben, darauf war ich nicht vorbereitet. Es regnete schon durch die Dächer, die Türme drohten einzustürzen. Das war wohl der letzte Moment, wo man mit ausreichend Fantasie noch erkennen konnte, wie schön die Anlage früher ausgesehen haben musste. Hätte man noch länger gewartet, wäre wohl eine Renovierung gar nicht mehr möglich gewesen.

 

Gab es nie andere Überlegungen, das Schloss zu retten, bevor Sie kamen?

Die frühere Bürgermeisterin hatte mir erzählt, dass es Pläne für ein Kinderheim gegeben hatte, aber für die Umsetzung fehlten die notwendigen Mittel. Man liest überall von den großen Investitionen in der Slowakei, aber das spielt sich anscheinend hauptsächlich in der Region um die Hauptstadt Bratislava ab.

 

Vor diesem Hintergrund betrachtet scheint Ihre Investition hier doch auch ein wichtiger Impuls für eine wirtschaftlich vernachlässigte Region zu sein?

Wir haben Arbeitsplätze geschaffen in einer Gegend, die damals, als ich kam, unter großer Arbeitslosigkeit litt, und sind heute der größte Arbeitgeber vor Ort. Schon in der Bauphase konnten wir viele Leute beschäftigten und erst recht nach der Eröffnung des Hotels. Das Hotel hat 22 Festangestellte und noch einmal so viele Aushilfen zu verschiedenen Anlässen. Sicher mehr als die Hälfte von ihnen kommt direkt aus Béla.

 

Haben Sie schon einmal abgeschätzt, wie vielen Menschen Sie indirekt Arbeit schaffen? Sie brauchen hier ja ständig Material und gastronomische Dienstleistungen.

Ja sicher, es gibt immer etwas zu tun, wofür wir oft Arbeitskräfte aus dem Ort und der Umgebung suchen, natürlich nicht alle auf einer festen Einstellungsbasis, wir müssen ja auch sparsam wirtschaften. Das Hotel vergibt auch viele Aufträge an örtliche Firmen und Dienstleister, um den täglichen Betrieb und die Versorgung der Hotelgäste zu gewährleisten. Hierzu gehören z.B. Lebensmittellieferanten, Wäschereien, Wartungsfirmen etc. Wir leisten sicher einen großen Beitrag zur Infrastruktur in unserer Umgebung, aber es müssten noch andere Inititativen dazukommen, um die wirtschaftliche Situation dieser Region grundlegend zu verbessern.

 

Die Slowakei scheint überhaupt schwach in ihrer touristischen Vermarktung zu sein, spüren das auch Sie?

Die Region hätte ein sehr großes Potenzial. Hier wären wir für eine intensivere Unterstützung und Zusammenarbeit mit den für die touristische Entwicklung Verantwortlichen dankbar. Wir hatten auch Ideen, zum Beispiel Radwege oder eine Weinstraße hier zu eröffnen. Es gibt hier so ausgezeichnete Weine, die wir jetzt über einen herausragenden deutschen und slowakischen Weinexperten vermarkten, aber es gibt wenig öffentliche Initiativen und für die Jugendlichen aus dem Ort zu wenig berufliche Perspektiven. Der große Auftrieb, den sie sich alle vom EU-Beitritt der Slowakei erwartet hatten, scheint hier nicht wirklich angekommen zu sein. Deshalb hat es mich besonders gefreut, dass eine engagierte Bürgerin aus Béla sehr erfolgreich eine Initiative gestartet und Sponsoren aus dem In- und Ausland eingeworben hat, um die Glocke der Schlosskapelle und heutigen Dorfkirche zu erneuern Die Einweihungszeremonie mit dem Bischof von Nitra war sehr beeindruckend.

Als Sie das Schloss übernommen hatten, was waren Ihre ursprünglichen Pläne und Erwartungen für Château Béla?

Am Anfang war ich sehr erschrocken über den desolaten Zustand des Schlosses und der gesamten Anlage. Aber es gab auch schöne Momente. Menschen aus der Umgebung sind gekommen und haben uns alte Fotos gezeigt von Familienfeiern und Erntefesten und Geschichten von früher erzählt und von ihnen verwahrte Andenken aus dem Schloss zurückgebracht. Hinzu kam, dass die Familie meines Mannes schon Erfahrungen gesammelt hatte beim Wiederaufbau ihres Schlosses im früheren Westpreußen zu einem Hotel und einer internationalen Begegnungsstätte. Ein ähnliches Konzept schwebte uns für Béla vor im Herzen Europas, um den Dialog zwischen Ost und West zu intensivieren und ein lebendiges Zentrum zu kreieren für Politiker, Geschäftsleute, Künstler und viele individuelle Gäste aus dem In- und Ausland.

 

Was waren am Anfang die größten Herausforderungen und Schwierigkeiten?

Man wusste zum Beispiel gar nicht, wem der Grund und Boden gehört. Es war nicht so wie wir erwartet hätten, dass die Grundstücke und das Schloss zusammen gehörten. Mangels genauer Grundbücher waren die Besitzverhältnisse nicht eindeutig und mussten genau recherchiert werden. Auch mit dem Denkmalamt gab es anfangs einige Diskussionen über verschiedene Vorschriften, und es mussten Kompromisse gefunden werden, um sowohl den historischen als auch den technisch notwendigen Anforderungen gerecht zu werden. Dann mussten wir einen erfahrenen und in der Slowakei zugelassenen  Architekten finden, der fachlich ausreichend qualifiziert war und auch von den Behörden hier akzeptiert wurde. Um alle Renovierungsschritte fach- und zeitgerecht ausführen zu können, haben wir hier auch Arbeitskräfte aus dem Ausland beschäftigt. Natürlich konnten wir nicht alles rekonstruieren, wir haben auch die Errungenschaften moderner Technik genützt, um eine ideale Kombination aus Originaltreue und modernem Komfort für unsere Hotelgäste zu erzielen.

 

Wie lange hat der ganze Umbau gedauert?

Vom Kauf an sieben Jahre, aber die ersten drei Jahre wurden für Recherchen und Vorbereitungen benötigt. Außerdem gab es viele Vorschriften zu beachten, die in einem historischen Gebäude oft schwierig umzusetzen sind, zum Beispiel  moderner Brandschutz und Vorgaben für technische Ausrüstungen. Ehrlich gestanden hatte ich mir das nicht so kompliziert vorgestellt.

 

Sie haben vorhin beklagt, dass es vor Ort nicht genug Eigeninitiative gibt. Was aber gefällt Ihnen hier in dieser gemischten slowakisch-ungarischen Region?

Ich habe viele positive Erfahrungen gemacht mit unseren sehr motivierten Angestellten, wobei es keine Rolle spielt, ob sie slowakischer oder ungarischer Herkunft sind. Viele unserer jungen Mitarbeiter kommen nicht aus der Branche, sondern werden von uns angelernt. Sie sind froh über die Möglichkeit, hier zu arbeiten, und sehr loyal. Wir haben auch Rückkehrer aus dem Ausland, die sich freuen, inzwischen auch zu Hause Arbeit zu finden. Andererseits haben bei uns auch Mitarbeiter eine gute Ausbildung erhalten, die im Ausland sehr gefragt sind. Mit 45 Zimmern sind wir kein sehr großes Hotel. Deshalb ist es so wichtig, dass sich die ganze Mannschaft als Team versteht, wie in einer großen Familie, und sich gegenseitig unterstützt, wo immer es notwendig ist.

 

Wer sind Ihre Gäste?

An sich ist unsere Struktur zwar schon sehr international. Rund 70 Prozent der Gäste kommen aus der Slowakei, viele aus Österreich und Ungarn, aber auch aus Ländern wie USA, Skandinavien, England etc. Wir haben auch viele internationale Veranstaltungen, z.B. die Slovak Atlantic Commission, die hier ihre Jahrestagungen abhält, um über aktuelle politische und ökonomische Themen zu diskutieren. Die Organisatoren schätzen die familiäre Atmosphäre des Hotels und den persönlichen Service. Im Herbst und Winter haben wir hier oft Jagdgesellschaften zu Gast. Wir sind in der Vereinigung “Shooting in Slovakia” registriert und ausgezeichnet worden als „Best Romantic Historic Hotel of Europe 2013“. Deshalb ist unser Schloss auch sehr beliebt für Hochzeitsgesellschaften und Romantik-Urlauber, die besonders die Ruhe und Schönheit der Donau-Landschaft abseits des Trubels der Großstädte genießen und zu schätzen wissen.

 

Nähere Informationen zum Hotel:

http://www.chateau-bela.com

 

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*) Anmerkung zur Namensschreibung: Die slowakische Gemeinde heißt Belá, das Schloss trägt hingegen den aus dem Ungarischen abgeleiteten Namen Béla.

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Die ungekürzte Langfassung dieses Interviews finden Sie auf unserer Homepage http://www.npz-online.eu unter “Zum Nachlesen”